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Igendwann lag Tim Mälzer am Boden. Im wahrsten Sinne des Wortes. Einfach zusammengeklappt, der Akku war leer. Aber er stand auf und kochte weiter, ignorierte die Warnung seines Körpers. „Ich wollte das damals so“, sagt er heute und kratzt sich dabei an dem markanten Bärtchen, „ich habe mir das bewusst angetan.“
Mit Volldampf in den nächsten Kollaps. Der ließ dann auch nicht
lange auf sich warten. Einige Minuten später ging gar nichts mehr. Die
Kameras hörten auf zu drehen, und der Fernsehkoch kam ins Krankenhaus.
Was er dort erstmals wieder seit langem hatte, war Zeit.
Zeit zum Nachdenken. Über seinen kometenhaften Aufstieg innerhalb
weniger Jahre zum wohl populärsten Fernsehkoch Deutschlands. Über sein
Image als schnoddriger Küchenbulle, der Kochen zum Medienevent gemacht
hat und vielen Kritikern ein Dorn im Auge war, weil er doch
handwerkliche Hausmannskost biete, dafür aber wie ein Sternekoch
hofiert werde. Über den Anarcho hinterm Herd, der als deutscher Jamie
Oliver mit Fernsehshows und Rezeptbüchern ein ganzes Volk auf den
Geschmack gebracht hat. Und über den Stress, den er dafür auf sich
genommen hat.
Ernsthaft ans Aufhören gedacht
„Eigentlich mag ich mich ja selbst ganz gerne.“ Und deshalb habe er
sich gefragt, warum er sich so etwas angetan hat. Warum er sich in den
Zusammenbruch reingetrieben hatte. „Damals habe ich ernsthaft darüber
nachgedacht, aufzuhören“, sagt Mälzer heute. Er wirkt ruhig und ernst,
wenn er über diese Zeit redet, die gerade mal eineinhalb Jahre
zurückliegt. Er habe überlegt, ob er „das ganze Mediale“ einfach
seinlasse und wieder in erster Linie das tut, was für einen Koch
eigentlich typisch ist: im Lokal für Gäste kochen. So wie früher.
Nach Abitur und Zivildienst hat Mälzer eine Kochlehre in einem großen
Hamburger Hotel begonnen. Die Arbeit führt ihn in den neunziger Jahren
auch nach London, wo er den damals noch unbekannten Briten Jamie Oliver
kennenlernt. Die beiden Jungköche bleiben in Kontakt, auch als Mälzer
nach Hamburg zurückkehrt und trotz seiner jungen Jahre als Küchenchef
in verschiedenen Restaurants angeheuert wird. So kommt es, dass Oliver
seinem Freund während eines späteren Besuchs in London eine Kassette
seiner neuen Kochsendung „Naked Chef“ vorspielt. Der Gast ist
begeistert. „Das war junges, frisches Kochen, nicht das typische ,Ich
hab’ da mal was vorbereitet‘.“ Mälzer nimmt das Band mit und zeigt es
Bekannten, die für das deutsche Fernsehen arbeiteten. Sie sollen Oliver
nach Deutschland holen, findet Mälzer. Doch das Urteil fällt
ernüchternd aus: zu innovativ, für den deutschen Markt einfach nicht zu
gebrauchen.
Prominent für 5 Minuten
So verschwindet die Idee wieder in der Schublade, zumal Mälzer im Jahr
2002 mit einem Partner sein erstes eigenes Restaurant eröffnet. Das
„weiße Haus“ in Hamburg ist das Einzige, von dem Mälzer heute sagt, auf
das er wirklich stolz ist. Er habe „geschuftet bis zum Umfallen“, damit
das Projekt ein Erfolg wird – es wird. Mälzer mag es, mit den Kunden
über gutes Essen zu diskutieren, ruhig auch mal ein bisschen provokant,
aber immer, um neue Denkanstöße zu geben. Einer seiner verbalen
Duellanten ist – ohne dass Mälzer dies weiß – der Chefredakteur eines
Fachmagazins. Und der bringt den Namen des jungen Hamburgers ins Spiel,
als für ein neues Sendeformat auf Vox ein Koch gesucht wird. Nach
anfänglichem Zögern willigt Mälzer für zehn Folgen ein. „Ich fühlte
mich damals prominenter als heute und dachte, die paar Minuten kann dir
keiner mehr nehmen.“
Mälzer hat Talent vor der Kamera, das zeigt sich schnell. Er ist
unkompliziert, direkt und frech. Er macht, was ihm gerade einfällt,
schließlich hat er ja auch in seinem Restaurant keine richtige Karte.
Die Zuschauer nehmen dankend an, nach dem Motto: „Was der kocht, koch
ich auch.“ Auch der Sender lässt nichts anbrennen: Aus dem Piloten wird
Anfang 2004 eine tägliche halbstündige Sendung.
„Die Sesamstraße war der Ritterschlag“
Seine Popularität wächst nun rasch. „Cool kochen mit Tim Mälzer“ – es
scheint, als hätten die Deutschen auf diesen „Hallodri-Koch“ (Mälzer
über Mälzer) gewartet. Das obligatorische Kochbuch „Born to cook“ wird
mit mehr als einer Million verkaufter Exemplare ein Bestseller. Mälzer
scheint omnipräsent, sogar die Sesamstraße („Das war der Ritterschlag“)
kommt nicht mehr ohne ihn aus. Mit sechs Kindern zu kochen sei aber das
Anstrengendste gewesen, was er je gemacht habe.
Die Zahl der Kochshows zu dieser Zeit schnellt in die Höhe. Mälzers
Marktwert ebenfalls. Wenn Johannes B. Kerner im ZDF die Branche hinterm
Herd versammelt, steigen am nächsten Tag die Verkaufszahlen. Wobei
Mälzer betont, dass er stets drauf geachtet habe, seinen Namen nicht
bedingungslos zur Marke zu machen. Wie bitte? Ja, es gebe außer seinen
Büchern keine Produkte, die seinen Namenszug tragen. Deshalb ärgere ihn
von allen Kritiken eigentlich nur die eine, die ihm unterstellt, er
habe alles nur des Geldes wegen getan. Dann, sagt er sichtlich erregt,
hätte er einfach drei Jahre lang jedes Angebot angenommen und sich die
anschließenden Vorwürfe, er sei käuflich, gelassen als gemachter Mann
angehört. Aber er habe vieles abgelehnt, „die dämlichsten Dinger“ seien
dabei gewesen. Etwa kochen auf einem Motorblock. Oder die Anfrage, ob
man nicht mal was mit einem Maschinengewehr machen könne. Fehlt nur
noch das Dschungelcamp.
Viel „Bierchen“ und „Scheiße“
Aber der Krawallbruder will er nicht mehr sein. Jedenfalls nicht nur.
Das hat er sich im Krankenhaus vorgenommen. Deshalb kocht er bei Kerner
nun auch öfter mal was Vernünftiges. Zu seinem Neustart sollte
eigentlich auch eine neue Sendung gehören. „Born to cook“ hieß das
abendfüllende Format, in dem zwei Teams vergangenen Sommer
gegeneinander ankochten. Doch das Ergebnis war dürr, die Quoten auch,
und Vox zog nach sechs Episoden die Reißleine. Zu Recht, sagt Mälzer,
die Stimmung im Studio sei zwar prima gewesen, aber das Konzept einfach
zu dürftig. Das habe sich während der Dreharbeiten schon abgezeichnet.
Was er aus der Pleite gelernt habe? Nichts. Außer vielleicht, beim
nächsten Mal auf sein Bauchgefühl zu hören. Seine Live-Tour durch die
großen Hallen, wo er vor mehreren tausend Leuten anrichtet, wird
dagegen zum Erfolg. Auch wenn hier und da wieder bemängelt wird, dass
sein aktiver Wortschatz vor allem aus „Bierchen“ und „Scheiße“ besteht.
Na und?
Für die Zukunft hat er weitere Pläne geschmiedet. Nach seinem Ausstieg
aus dem „Weißen Haus“ will er bald wieder ein eigenes Restaurant
aufmachen. Natürlich in Hamburg, die Planungen laufen auf Hochtouren.
Außerdem soll in absehbarer Zeit ein gemeinsames Programm mit dem
Bundesernährungsministerium und Bertelsmann starten. „1000 Küchen“ für
deutsche Schulen sind das Ziel. Das Programm soll Kinder an den Umgang
mit natürlichen Lebensmitteln heranführen und die Lust am Kochen wecken.
Olivenbäume auf Mallorca
In diesem Fall habe er auch kein Problem, seinen Namen als Türöffner
einzusetzen, sagt Mälzer. Das dauernde Klagen über die zunehmende
Fettleibigkeit führe doch zu nichts. Stattdessen wolle er ähnlich wie
sein Freund Jamie Oliver – und da ist er wieder, der lange Schatten des
Briten – versuchen, etwas zu bewegen. Oliver hat unter anderem mit
einem Kochprojekt für straffällig gewordene Jugendliche großen Erfolg.
Die Frage, ob da jemand erneut die Agenda überfrachtet und auf die
nächste Krise zusteuert, verneint Mälzer postwendend. Er achte extrem
darauf, flexibel und ungebunden zu sein. Freiheit heiße für ihn, seine
80 Quadratmeter große Mietwohnung bezahlen zu können. Feste
(Zahlungs-)Verpflichtungen will er sich außer für sein neues Restaurant
nicht ans Bein binden: „Ich besitze nix.“ Und für regelmäßige Auszeiten
sorgt er gemeinsam mit seiner Freundin Nina. Einige Monate will er nun
auf Mallorca leben, wo er – okay, doch ein bisschen Besitz – hundert
Olivenbäume sein Eigen nennt. Außerdem will er unbedingt Spanisch
lernen, auch wenn ihm Italienisch eigentlich viel mehr liege.
Heute entscheidet Tim Mälzer wieder häufiger selbst, wann er in die Küche geht und wann nicht. Erst seit seinem Kollaps arbeite er auf diese Weise zielgerichtet an der Zukunft, vorher sei doch sehr viel Bauchgefühl im Spiel gewesen. „Meine eigentliche Karriere“, sagt Tim Mälzer und nimmt einen letzten genüsslich-langen Zug aus der Zigarette, „die fängt jetzt erst an.“
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