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Wessis weniger
Ossis steh'n auf Senf
Die Ostdeutschen geben gern ihren Senf dazu. Nicht nur zur Wurst, auch als Würze beim Kochen kommt das scharfe Gewürz häufiger zum Einsatz als im Westen.
Mancher liebt Senf sogar als Brotaufstrich. Kein Wunder, dass der
Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr zu DDR-Zeiten bei immerhin 1,4 Kilogramm
lag, erinnert sich Jörg Dietlein, der Leiter des Bautzener Werkes der
Develey Senf und Feinkost GmbH. "Senf gehörte zu den
Grundnahrungsmitteln", sagt er. Deshalb wurde der Preis gestützt.
"Zwischen 50 und 55 Pfennige hätte der Becher kosten müssen. Für 37
Pfennige wurde er verkauft."
Die Gewohnheiten haben sich kaum geändert: Noch heute greifen die
Menschen zwischen Kap Arkona und Fichtelberg öfter zu Senf als ihre
westdeutschen Mitbürger. Marktanalysen von 2006 zufolge werden in
Ostdeutschland jährlich 1290 Milliliter pro Haushalt verzehrt, im
Westen sind es 940. Als nach 1990 die Geschäfte in der früheren DDR mit
westdeutscher Ware überschwemmt wurden, probierten die Verbraucher
vieles aus. "Doch sie sind schnell wieder zu ihren altbekannten
Produkten zurückgekehrt", stellt Dietlein fest. "Mit Senf kann man sich
offenbar gut identifizieren. Es ist ein Produkt, das Heimat braucht."
Bautz'ner Senf ist die beliebteste Sorte im Osten und hat in diesem
Gebiet immerhin einen Marktanteil von 64 Prozent, sagt Dietlein. Das
seit 1845 bestehende bayerische Familienunternehmen Develey mit mehr
als 1000 Mitarbeitern hat 1992 die Marke Bautz'ner erworben. Mehr als
zwei Mio. der schlichten 200-Milliliter-Plastikbecher laufen in dem
ostsächsischen Werk monatlich vom Band.
"Bautz'ner kommt blass daher, weil das die natürliche Farbe von Senf
ist", sagt der Betriebsleiter in Anspielung auf das satte Gelb, das bei
westdeutschen Produkten durch die Zugabe von Kurkuma - Gelbwurz -
erreicht wird. Außerdem sei ostsächsischer Senf weniger salzig und
nicht so sauer.
In 17 Orten Ostdeutschlands wurde zu DDR-Zeiten Senf produziert, sagt
Dietlein. Nur einige Hersteller seien übrig geblieben. Etwa 1000 Tonnen
setzt die Jütro Konservenfabrik GmbH & Co. KG im brandenburgischen
Jüterbog pro Jahr ab. Zwei der einst fünf Betriebsteile haben den
wirtschaftlichen Umbruch nicht überlebt. Der Standort in Erfurt
behauptet sich aber als Born Feinkost GmbH. Die Firma hat nach der
Wende die Rechte für "Esina" erworben, einer "traditionsreichen Marke
sächsischer Herkunft", wie Born- Geschäftsführer Hans-Dieter Büttner
sagt.
"Für die Menschen sind Traditionsmarken wichtig, sie haben das Chaos
der Wendezeit überlebt", urteilt Büttner. Zu DDR-Zeiten habe es kaum
Alternativen gegeben. "Dressings waren völlig unbekannt, Ketchup war
Mangelware", erklärt Büttner den höheren Verbrauch im Osten. In
Thüringen kommt wohl hinzu, dass die Rostbratwurst dort nahezu den
Status eines Grundnahrungsmittels hat. "Da braucht man viel Senf", sagt
er. Schon früher sei darauf geachtet worden, dass der Senf gut zur
Bratwurst passe, ebenso wie in Bayern, wo Weißwurst und süßer Senf eine
einzigartige Geschmacksverbindung bilden.
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